Palästinensische Christen: “Gewaltakte verurteilen und Zweideutigkeit vermeiden”

Bischof Younan: Situation der Christen eng mit der politischen Lage verknüpft
Bischof Younan: Situation der Christen eng mit der politischen Lage verknüpft
Bischof Younan: Situation der Christen eng mit der politischen Lage verknüpft
(Spiegel Online)

Bischof Munib Younan vertritt eine christliche Minderheit in den palästinensischen Gebieten und Ostjerusalem. Offen kritisiert er die Besatzungspolitik der Israelis und Übergriffe radikaler Siedler auf heilige Stätten. “Wer schweigt, hilft den Extremisten”, sagt er.

SPIEGEL ONLINE: Bischof Younan, Sie sind evangelischer Christ, aber auch Sohn palästinensischer Flüchtlinge, der die israelische Siedlungspolitik verurteilt. Es gibt Kritiker, die behaupten, Sie seien nur zu 10 Prozent Christ, aber zu 90 Prozent Politiker. Stimmt das?

Younan: Ich bin Kirchenführer. Es ist nicht meine Aufgabe, Politik zu machen. Eine Kirche ist nur glaubhaft, wenn sie der Wahrheit verpflichtet ist. Sobald sie anfängt, Machtspiele zu spielen, ist das nicht mehr der Fall.

SPIEGEL ONLINEAber Sie ergreifen eindeutig Partei für die Sache der Palästinenser.

Younan: Ich bin palästinensischer Flüchtling und evangelischer Christ, ich trage den Schmerz meines Volkes unter meiner Haut. Ich kann nicht dabei zusehen, wie Menschen unterdrückt werden, und dazu schweigen. Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer hat gefordert, die Kirche solle das Gewissen des Staates sein. Ich habe täglich mit drei Staaten zu tun: Jordanien, Palästina und Israel. Da muss ich sagen, was richtig und was falsch ist.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer christlichen Glaubensbrüder in Jerusalem halten sich zurück, wenn es darum geht, politisch Stellung zu beziehen.

Younan: Sie haben eine Position, aber sie tun nicht genug. Wir Christen aus Jerusalem müssen unsere Stimme erheben für den Friedensprozess. Ich verstehe die deutsche Zurückhaltung wegen des Holocausts und der sehr speziellen Beziehung zu Israel. Wenn ich in Deutschland bin, sage ich meinen Gesprächspartnern immer: Ihr müsste keine doppelte Schuld auf euch laden. Wer wird euch einen Antisemiten schimpfen, wenn ihr auf ein Ende der Besetzung und eine Zweistaatenlösung drängt?

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